Eine Studienplatzklage ist ein Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht gegen eine einzelne Hochschule. Du machst geltend, dass sie mehr Medizinstudierende ausbilden kann, als ihre festgesetzte Zulassungszahl vorsieht. Voraussetzung sind eine Bewerbung im zentralen Verfahren und ein fristgerechter Antrag auf Zulassung außerhalb der Kapazität bei der Hochschule. Das Gericht prüft dann nach der Kapazitätsverordnung des Landes, ob weitere Plätze bestehen. Gibt es welche, entscheidet es per Beschluss oder durch ein Los unter den Antragstellern.
Ablauf in sechs Schritten
- Reguläre Bewerbung im zentralen Verfahren, zum Sommersemester 2027 bis 15. Januar 2027. Greifswald und die MHH nennen sie ausdrücklich als Voraussetzung des außerkapazitären Antrags.
- Antrag auf Zulassung außerhalb der festgesetzten Kapazität bei der Hochschule. Die Fristen sind Ausschlussfristen und unterscheiden sich: Greifswald verlangt den Antrag zum Sommersemester bis 15. Januar, zum Wintersemester bis 15. Juli (§ 21 StudPlVergVO M-V); die MHH bis 15. April beziehungsweise 15. Oktober (§ 15 ihrer Vergabeordnung). Die MHH verlangt außerdem einen innerkapazitären Antrag für dasselbe Semester und Fachsemester.
- Eilantrag beim Verwaltungsgericht auf eine einstweilige Anordnung nach § 123 VwGO. Du musst glaubhaft machen, dass die Hochschule noch Plätze hat; das Gericht entscheidet durch Beschluss.
- Beschluss oder Los. Reichen die zusätzlichen Plätze nicht für alle Antragsteller, verteilt ein gerichtlich angeordnetes Los sie. Gegen den Beschluss ist binnen zwei Wochen die Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht möglich.
- Einschreibung. Wer einen Platz erhält, wird vorläufig zugelassen und schreibt sich an der Hochschule ein; je nach Befund gilt die Zulassung für das ganze Studium oder nur für die Vorklinik.
- Hauptsacheverfahren. Der Eilbeschluss ist vorläufig — die Klage in der Hauptsache kann Jahre dauern. Das Bundesverwaltungsgericht entschied am 24.11.2021 über Klagen zum Wintersemester 2015/16.
Wie Hochschulen ihre Kapazität berechnen
Die Zulassungszahl legt das Land durch Rechtsverordnung fest; Grundlage ist die jährliche Aufnahmekapazität. Der Staatsvertrag über die Hochschulzulassung (Art. 6) verlangt, dass die Ausbildungskapazität erschöpfend genutzt wird. Die Kapazitätsverordnung des Landes rechnet das Lehrangebot, also die Stellen und ihr Lehrdeputat, gegen den Ausbildungsaufwand je Studierendem, den Curricularnormwert — für Medizin gibt die Muster-Kapazitätsverordnung 8,2 an. Dazu kommen Abzüge für Dienstleistungen an andere Studiengänge und ein Zuschlag für den Schwund. Für die Klinik prüft die Hochschule das Ergebnis zusätzlich an den Patientenzahlen des Klinikums.
Vor Gericht streiten die Parteien über diese Parameter. Das Verwaltungsgericht Göttingen erkannte 2019 eine Kürzung um drei Lehrstellen nicht an und fand so 14 weitere Plätze, das Bundesverwaltungsgericht verneinte 2021 dagegen mehrere Rügen von Klägern, etwa zur Schwundbereinigung. Das Ergebnis ist ein Vollstudienplatz oder, wenn nur die Vorklinik Kapazität hat, ein Teilstudienplatz.
Für wen kommt eine Studienplatzklage infrage?
Realistisch ist dieser Weg für Bewerber, die an einer konkreten Hochschule Anhaltspunkte für ungenutzte Kapazität haben und das Kostenrisiko tragen können. Das Gericht prüft die Kapazität der Hochschule; Deine Abiturnote ist kein Prüfungsgegenstand. Wie Deine Chancen im regulären Verfahren stehen, rechnet der Chancen-Rechner im Modell durch. Erfolgsaussichten, Verfahrensdauer und Kosten unterscheiden sich je nach Hochschule, Bundesland und Einzelfall. Wer diesen Weg ernsthaft prüfen will, findet die ausführliche Einordnung zu Ablauf, Fristen und Kosten bei studienplatzklage.de, einem auf dieses Verfahren spezialisierten unabhängigen Informationsportal.
Kosten und Risiken
Die Gebühren richten sich nach dem Streitwert. Bietet der Fall keine Anhaltspunkte, gilt nach § 52 Abs. 2 GKG ein Streitwert von 5.000 Euro; für Eilverfahren nach § 123 VwGO verweist § 53 Abs. 2 GKG darauf. Der Streitwertkatalog 2025 setzt für die Zulassung zum Studium den Auffangwert an (Nr. 18.1) und im vorläufigen Rechtsschutz in der Regel die Hälfte (Nr. 1.5), also 2.500 Euro. Nimmt das Eilverfahren die Hauptsache vorweg, kann der Wert bis auf den Hauptsachewert steigen. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf blieb 2024 bei 5.000 Euro, weil das Eilverfahren sich weitgehend auf die Vorwegnahme der Hauptsache richtet. Die Tabelle rechnet beide Werte durch.
| Posten (gesetzliche Gebühren) | Streitwert 2.500 € | Streitwert 5.000 € |
|---|---|---|
| Anwalt: Verfahrensgebühr 1,3 (Nr. 3100 VV RVG) | 306,15 € | 460,85 € |
| Anwalt: Auslagenpauschale (Nr. 7002 VV RVG) | 20,00 € | 20,00 € |
| Anwalt: Umsatzsteuer 19 % | 61,97 € | 91,36 € |
| Anwalt gesamt | 388,12 € | 572,21 € |
| Gericht: Gebühr 1,5 (Nr. 5210 KV GKG) | 188,25 € | 255,75 € |
| Summe je Verfahren | 576,37 € | 827,96 € |
Grundlage sind die aktuellen Gebührentabellen (BGBl. 2025 I Nr. 109): Bei 2.500 Euro beträgt die einfache Anwaltsgebühr 235,50 Euro und die einfache Gerichtsgebühr 125,50 Euro, bei 5.000 Euro 354,50 Euro und 170,50 Euro. Die Rechnung nimmt einen Antragsteller, einen Anwalt, eine Hochschule und einen Beschluss ohne mündliche Verhandlung an. Kommt es zur Verhandlung, kommt die Terminsgebühr von 1,2 (Nr. 3104 VV RVG) hinzu; die Anwaltskosten steigen dann auf 724,41 beziehungsweise 1.078,44 Euro. Kanzleien können nach § 3a RVG ein höheres Honorar vereinbaren — und jede Hochschule bedeutet ein eigenes Verfahren, die Kosten vervielfachen sich also mit der Zahl der Anträge.
Wer unterliegt, trägt die Kosten des Verfahrens (§ 154 Abs. 1 VwGO); das Verwaltungsgericht Düsseldorf legte sie 2024 den Antragstellern auf. Ob eine Rechtsschutzversicherung zahlt, steht in Deinen Versicherungsbedingungen. Zum Kostenrisiko kommen der Zeitverlust und die offenen Chancen. In Göttingen erhielten 2019 von 169 Antragstellern 14 einen zusätzlichen vorklinischen Platz; das Oberverwaltungsgericht Lüneburg wies 2019 Berufungen von Klägern zurück und sah keine weiteren Teil- oder Vollstudienplätze, und das Verwaltungsgericht Düsseldorf lehnte die Anträge zum Wintersemester 2023/24 und 2024/25 ab.
Abgrenzung zu Härtefall, Los und Tausch
Der Härtefallantrag ist ein Antrag im regulären Verfahren und führt über die Vorabquote zur Zulassung — die Klage dagegen greift die Kapazität einer Hochschule an. Das Los der Vergabe entscheidet bei Punktgleichheit, das Los im Klageverfahren verteilt zusätzliche Plätze unter den Antragstellern. Die Plätze vergibt das Gericht oft nur für die Vorklinik, den Weg danach beschreibt der Artikel zum Teilstudienplatz. Wie die drei Hauptquoten Plätze verteilen, zeigt der Artikel Die drei Quoten; den Ablauf der regulären Bewerbung beschreibt Bewerbung über hochschulstart.
Bis wann muss ich den Antrag auf außerkapazitäre Zulassung stellen?
Was kostet eine Studienplatzklage?
Wie hoch sind die Chancen?
Bekomme ich über die Klage einen Voll- oder einen Teilstudienplatz?
Kann ich mich regulär bewerben und zugleich klagen?
Quellen
- studienplatzklage.de — spezialisiertes Informationsportal zur Kapazitätsklage
- § 123 VwGO: Einstweilige Anordnung
- § 154 VwGO: Kostentragung
- § 52 GKG: Streitwert vor den Verwaltungsgerichten und § 53 GKG: Einstweiliger Rechtsschutz
- Streitwertkatalog für die Verwaltungsgerichtsbarkeit, Fassung vom 21.02.2025 (Nr. 1.5 und 18.1)
- RVG, Anlage 2: Gebührentabelle, RVG, Anlage 1: Vergütungsverzeichnis und § 3a RVG
- GKG, Anlage 2: Gebührentabelle und GKG, Anlage 1: Kostenverzeichnis
- Staatsvertrag über die Hochschulzulassung, Art. 6 (Stand 11.2019)
- Musterverordnung über die Kapazitätsermittlung (KapVO), Stand Wintersemester 2025/26
- Kapazitätsverordnung Nordrhein-Westfalen (Fassung vom 31.07.2025)
- Universität Greifswald: Losverfahren und außerkapazitäre Anträge
- Medizinische Hochschule Hannover: Ordnung über die Vergabe von Studienplätzen, § 15 (08.11.2023)
- Verwaltungsgericht Düsseldorf, Beschluss vom 19.11.2024, 15 Nc 7/24
- Verwaltungsgericht Göttingen: Weitere Teilstudienplätze für Studienbewerber der Humanmedizin (07.05.2019)
- Niedersächsisches Oberverwaltungsgericht: Berechnung der Studienplätze der Universität Göttingen im Wesentlichen rechtmäßig (25.06.2019)
- Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 24.11.2021, 6 C 18.19
Stand: Oktober 2026. Die Gebühren folgen den Tabellen aus BGBl. 2025 I Nr. 109; Fristen und Zulassungszahlen setzen Länder und Hochschulen für jedes Semester neu fest.